Deutschkurs für Neuzuwanderer

 
Kurs-/­Veran­staltungs­nummer: 900
Kursleiterin: Rita Kalwa
Alter, Zielgruppe: Zuwanderer/Geflüchtete ab 16 Jahre
Räumlichkeiten: Die ECKE (Google-Maps)
Zeitraum: Di + Do, 05.09.2017   - 21.12.2017
Zeiten: 9 - 11.30 Uhr
Tage, (U)Std.: 27 Tag(e), 81 (U)Stunden
Kosten: 0,00 Euro
Kategorie(n): Sprachkurse Deutsch
Josefsviertel, Samtweberviertel, Nachbarschaft
Direktanmeldung in der Einrichtung
Deutsch lernen für Neuzuwanderer. Sprachförderung und erste Orientierung

Konzept

Ziel des Kurses ist es, den Teilnehmern (TN) ein erstes lebensnahes Sprachhandeln zu ermöglichen und sie so bei der Bewältigung der alltäglichen Anforderungen zu unterstützen. Der Schwerpunkt liegt auf der mündlichen Ausdrucksfähigkeit und dem Leseverstehen im Alltag.

Der Kurs richtet sich an neu zugewanderte Erwachsene und Jugendliche ab 16 Jahre. Dabei handelt es sich primär um Personen ohne oder mit nur sehr geringen Deutschkenntnissen, die von der Teilnahme an einem Integrationskurs (noch) ausgeschlossen sind. Ihre Aufenthaltsperspektive in Deutschland und ihre Zukunft sind ungewiss. Die meisten von ihnen haben kaum soziale Kontakte zur Mehrheitsgesellschaft. Dennoch müssen sie sich während dieser Zeit im unmittelbaren Lebensumfeld orientieren und in typischen Alltagssituationen auf Deutsch verständlich machen.

Hinsichtlich ihrer Lern- und Bildungsvoraussetzungen unterscheiden sich die TN sehr stark voneinander. Das Spektrum reicht dabei von Menschen, die nicht alphabetisiert sind bzw. das lateinische Schriftsystem nicht oder nur unzureichend beherrschen bis hin zu solchen, die in ihrem Heimatland höhere Bildungsabschlüsse erworben und in hoch qualifizierten Berufen gearbeitet haben.

Die Lebenssituation der TN weicht oftmals deutlich von der Lebenssituation „klassischer“ Sprachkursteilnehmer ab. Häufig sind sie aus einer Notsituation heraus nach Deutschland gekommen, unfreiwillig, traumatisiert durch die Erlebnisse in ihrem Herkunftsland, gleichzeitig aber mit ungewisser Aufenthaltsperspektive. Die spezifische Lebenssituation der TN wirkt sich auf ihr Verhältnis zur neuen Sprache sowie auf den Unterricht direkt und indirekt aus.

Direkte Auswirkungen

TN klagen häufig über Schlafstörungen und sind dadurch oft im Unterricht müde. Eine geregelte Alltagsstruktur ist (noch) nicht vorhanden.
TN haben aufgrund ihrer Wohnverhältnisse schlechte Lernbedingungen, deshalb muss im Unterricht mehr wiederholt werden.
TN leben isoliert und zurückgeworfen auf die eigene Gruppe, sprechen nur ihre Muttersprache und haben meist wenig Kontakt zu „Einheimischen“, was den Lernfortschritt verlangsamt.
TN haben sehr wenig Geld, was bei der Themenbearbeitung im Unterricht eine Rolle spielt (Z. B. Thema „Freizeit“: Welche kostenlose Angebote gibt es in der Stadt?)
TN haben oft keine Arbeitserlaubnis und gleichzeitig auch keinerlei Kenntnisse über den Arbeitsmarkt. Das Thema „Arbeiten“ und „Ausbildung“ nimmt daher großen Raum ein und muss grundlegend bearbeitet werden.

Indirekte Auswirkungen

Viele TN haben schlimme Erlebnisse in Bezug auf die Familie.
Fragen über die Eltern, Geschwister und Kinder können zu belastenden Situationen führen.
Der ungesicherte Aufenthaltsstatus, die Asylpolitik oder auch traumatisierende Erlebnisse im Heimatland werden von den TN während des Unterrichts immer wieder thematisiert.
Das nimmt Zeit in Anspruch und macht es schwierig, zur „Tagesordnung“ überzugehen.

Auch an die Kursleitung werden spezifische Anforderungen gestellt. Sie muss sich Kenntnisse über die Lebenssituation der TN aneignen und Verständnis dafür aufbringen. Eine wichtige Aufgabe ist es, Verbindlichkeit herzustellen. Das setzt Empathie und interkulturelle Kompetenz voraus.
Dennoch ist davon auszugehen, dass die meisten TN über ein hohes Maß an Hilfsbereitschaft und gegenseitiger Solidarität verfügen, sodass rasch ein positives Kursklima entstehen kann. Hohe Motivation und Lernbereitschaft bei freiwilliger Teilnahme am Kurs ermöglichen durchaus konzentriertes Lernen.

Bezogen auf die Unterrichtsinhalte gilt, dass der direkte Realitätsbezug höher und unmittelbarer als im sonstigen Deutschunterricht ist. Ziel ist es, Kenntnisse über die Themengebiete zu vermitteln, die für die TN von besonderer Wichtigkeit sind.

Erste Sprachorientierung. Hemmschwellen sollen abgebaut und das Interesse am Spracherwerb nachhaltig geweckt werden.
Erlernen alltagsrelevanter Kommunikationsformen
(Begrüßung, Verabschiedung, Duzen - Siezen, Regeln verstehen, Redewendungen für kleine Dialoge erlernen, Gesprächssituationen bei Ämtern, im Geschäft und am Telefon trainieren).
Alltagsbewältigung, um sich mithilfe des Erlernten aktiv im neuen Lebensraum bewegen zu können (öffentliche Verkehrsmittel benutzen, Wegbeschreibungen verstehen, Briefe, Verträge und Wohnungsanzeigen lesen können, Bankgeschäfte tätigen).
Sitten und Gebräuche in Deutschland kennenlernen/ lokale Besonderheiten.
Über sich und andere Personen sprechen/ soziale Kontakte.

Auch potentiell problematische Themenbereiche sollten nicht von vorneherein ausgeschlossen werden. Es gilt, Aspekte dieser Art sensibel zu thematisieren, ohne sie ganz zu meiden. Vielmehr bewirkt das Öffnen solcher Themenkreise bei den TN, dass sie konkret das kulturelle Interesse an der eigenen Person und ihren Herkunftsländern erfahren. Dadurch haben sie die Möglichkeit, über ihr Herkunftsland etwas Positives zu erzählen. In ihnen wird das kulturelle Bewusstsein geweckt und die Wahrnehmung für Andere und Anderes geschult. Das wiederum ist wichtig, um in der für die TN neuen, anderen Umgebung zurechtzukommen.

Die methodische Umsetzung erfolgt durch Wortschatzarbeit in Form von Chunks, Rollenspielen, Dialogtraining als Partnerübung und Hörübungen. Die mündliche Kommunikation und die Freude am Sprechen stehen dabei im Vordergrund. Phonetische Übungen werden in das jeweils thematische Konzept eingebettet.

Die Auswahl des Lehr- und Arbeitsmaterials erfolgt so, dass durch Übersichtlichkeit, Transparenz und einen klaren Lernweg der notwendigen Niederschwelligkeit Rechnung getragen wird. Dabei ist der Einsatz von authentischen Lernmaterialien wie Stadt- und Fahrplänen, Werbeprospekten, Flyern oder Ähnlichem für das Erreichen des Lernziels „Erstorientierung“ wesentlich. Was schließlich den Bereich der Grammatik betrifft, so gilt es, stark vereinfachte, sehr klare und anschauliche Erklärungsmodelle mit vielen Beispielen zu finden, die zunächst keinerlei Terminologie oder Vorwissen voraussetzen.

Auch bei der Durchführung des Kurses findet die spezifische Lebenssituation der TN Berücksichtigung. Bei einem Umfang von 99 UStd. findet der Kurs mehrmals wöchentlich vormittags statt und wird (möglichst) nicht durch Ferien längere Zeit unterbrochen. So erfolgt die Auseinandersetzung mit der neuen Sprache sehr intensiv und dient als Anschub für weiterführenden Spracherwerb.

Das Vertrautwerden mit dem Ort, an dem der Sprachunterricht stattfindet, und den unterschiedlichen Personen in der Einrichtung baut Hemmschwellen ab und führt die TN an weitere Angebote der Familienbildung wie wöchentliche Treffs, Erzähl- und Kulturcafé für Flüchtlinge und Bewohner des Stadtviertels heran.
Ein erster Schritt auf dem Weg des „Empowerment durch Sprache“ ist die Stärkung von Selbstbewusstsein und Sicherheit im Alltag. Dies verbindet sich mit der Vermittlung von Kultur, dem Aufzeigen und (Wieder-)Erlernen von Strukturen und grundlegenden Sprachkompetenzen. Auf dieser Grundlage kann ein solches Kursangebot als erste Orientierung und als Integrationssprungbrett bei einem möglicherweise später auf Dauer angelegten Aufenthalt greifen.

Konzept
Gudrun Tiefers-Sahafi
Juni 2017

Direktanmeldung in der Einrichtung